Helen Dunmore: Die tausende Tage der Anna Michailowna
Lübbe - 2003 - 414 Seiten
Wir schreiben 1941. Leningrad wird von den deutschen Truppen belagert, und der endlose russische Winter rückt unaufhaltsam näher. Man weiß aus der Geschichte, dass Tausende verhungern oder erfrieren werden, bevor der nächste Frühling kommt, doch Helen Dunmore ist keine Autorin, die uns mit der der Moral von Zahlen kommt. Sie wirft den Leser in das Leben der 23jährigen Anna Michailowna Levin, einer begabten Malerin, die gerne auf die Kunstakademie gegangen wäre, wäre nicht ihre Mutter bei der Geburt des inzwischen 5jährigen Koljas gestorben. Für Anna ist der 18 Jahre jüngere Bruder mehr ihr Kind, ein zartes Kind, um dessen Überleben sie nun, in den Zeiten der Belagerung, besonders fürchtet. Auch Annas Vater, der kränkelnde Schriftsteller Michail Iljitsch, der sich mit dem Regime überworfen hat und Schreibverbot bekam, lebt bei Anna, die die alleinige Sorge für den Unterhalt der Familie trägt. Dafür geht sie in einem Kindergarten arbeiten, versucht Gemüse zu pflanzen, stellt sich stundenlang an, um Lebensmittel zu bekommen, die immer knapper werden, verweigert einer Nachbarin die Axt, die sie selbst braucht, um bei Eisestemperaturen Holz zu hacken. Es ist fast ein Wunder, als die ehemalige Geliebte des Vaters, die Schauspielerin Marina, eines Tages auftaucht und Köstlichkeiten wie Honig, Marmelade und Schmalz mitbringt Als Leningrad sich vor der Blockade zur Verteidigung bereitmacht und alle aufgerufen sind zu helfen, wird Annas Vater verletzt. Anna lernt den Arzt Andrei kennen, und ein zarte Liebesgeschichte entspinnt sich zwischen den beiden jungen Menschen vor dem Hintergrund unendlich schwerer Wochen und Monate, in denen man sich jeden Tag die Frage stellt, wie man überleben kann mit einer Scheibe Brot, in der der Hunger so groß wird, dass man Leder und Tapeten auskocht, um Suppe daraus zu machen, und der Winter so kalt, dass man erst die Möbel verbrennt und dann die Bücher. Während der Schriftsteller Michael und die Schauspielerin Marina sterben, werden Anna, Adrei und Kolja den nächsten Frühling erleben, der Hoffnung verspricht.